-Von Naturwäldern in Industrielandschaften 

kartaEinführung

Schweden hat aus internationaler Sicht einen unverdient guten Ruf für seine so genannte nachhaltige Forstwirtschaft. Kundenländer werden mit verschiedenen Garantien über Umweltzertifizierung irregeführt und der Begriff „Wiederaufforstung“ wird mit einer nachhaltigen Nutung des Waldes assoziiert. Abholzungen in beispielsweise den Tropen sind oft mit Entwaldung verknüpft, während abgeholzte Wälder in den nördlichen Ländern wie Schweden und Finnland gewöhnlich durch neue Bäume ersetzt werden, was dazu führt, dass diese Länder behaupten können, dass ihre Forstwirtschaft nachhaltig sei.

Nicht zu vergessen jedoch ist, dass eine große Veränderung des Ökosystems im Gange ist, welche bald ihr Endstadium erreicht. Abwechslungs-, artenreiche Naturwälder und alte Bauernhofwälder werden, oft mit unzureichender Rücksichtnahme der Natur gegenüber, in Industrieäcker verwandelt. Dieser Prozess gleicht demjenigen, der bereits in der Ackerbau- und Kulturlandschaft erfolgt ist, in welchem abwechslungsreiche Wiesen-, Weiden- und Ackerlandschaften durch Ackerbau in großem Stil ersetzt wurden. Dies ist eine Bedrohung für die biologische Vielfalt.

Schwedischer Wald

Schwedens guter Ruf für eine nachhaltige Forstwirtschaft steht in starkem Kontrast zu den Fakten, dass es zu keiner Zeit so wenig Altwald in Schweden gegeben hat wie heute. Zur selben Zeit setzen forstwirtschaftliche Betriebe fort, Altwald und anderen Wald mit hohem Naturschutzwert abzuholzen, Waldpflegemaßnahmen erfolgen oft mit unzureichender Rücksichtnahme. Schweden ist weit entfernt davon seine Verpflichtungen innerhalb der Konventionen der Vereinten Nationen für biologische Vielfalt zu erreichen.

Die schwedische Forstindustrie und die Regierung sind Fürsprecher für eine intensivierte Forstwirtschaft, um den Fluss an Holzrohstoff für die Industrie zu maximieren.

Mehr als die Hälfte der Landfläche Schwedens ist mit Wald bedeckt. Die Waldpolitik des Landes und forstwirtschaftliche Methoden haben den größten Teil der Waldlandschaft in Industriewälder umgewandelt, denen die charakteristischen Eigenschaften von Naturwäldern abhanden gekommen sind. Alte Naturwälder werden abgeholzt und durch Plantagen und Wirtschaftswäldern mit niedrigem Naturwert ersetzt. Nur noch einige wenige Prozent des produktiven Waldes unterhalb der fjällnahen Grenze bestehen aus Altwald mit hohem Naturschutzwert.

Dennoch besitzt Schweden noch immer einen großen Anteil der restlichen Altwälder Europas. Dieser Wald muss bewahrt werden.

Über 1800 im Wald lebende Pflanzen- und Tierarten stehen auf der Roten Liste, d.h. sind gefährdet oder potentiell gefährdet. Viele dieser Arten sind abhängig von alten Bäumen, Totholz und Laubbäumen um überleben zu können. Um den andauernden negativen Trend zu ändern, müssen 20 Prozent der produktiven Wälder unterhalb der fjällnahen Grenze geschützt werden. Führende Forscher in Biologie und Naturschutz meinen, dass die schwedische Waldpolitik eine Bedrohung für die biologische Vielfalt des Waldes darstellt.

Nur 3,3 Prozent des schwedischen produktiven Waldes war (2007) formal in Form von Nationalparks, Naturreservaten, Biotopsschutz und Naturschutzabkommen geschützt, unterhalb der fjällnahen Grenze sind es ca. 1,5 Prozent.

Damit Schweden seinen nationalen und internationalen Verpflichtungen nachkommen kann, welche unter anderem Abkommen über die biologischen Vielfalt enthalten, muss das Land laut dem Gesetz die biologische Vielfalt schützen und sichern, dass die Bewirtschaftung des Waldes auf eine nachhaltige Weise durchgeführt wird.
Eines der nationalen Umweltziele, "Lebendige Wälder”, erklärt, dass der Wert des Waldes für die biologische Produktion geschützt werden soll, im selben Zuge wie die biologische Vielfalt bis 2010 bewahrt werden soll. Die Auswertung der Kommission für Umweltziele von Schwedens Umweltziel 2008 „Lebendige Wälder“ zeigte, dass Schweden sein Umweltziel wahrscheinlich weder bis 2010 noch bis 2020 erreichen kann.

Mehrere negative Tendenzen im Wald und der Forstwirtschaft sind üblich geworden. Wälder mit hohem Naturwert werden abgeholzt, gleichzeitig fehlt bei Abholzungen oft gänzlich die Rücksichtnahme auf die Natur. 28 Prozent der Abholzungen von Waldflächen in Privatbesitz und 20 Prozent der Abholzungen von der übrigen Forstwirtschaft erfüllen die Forderungen des Waldschutzgesetzes nach allgemeiner Rücksichtnahme nicht. All diese Aspekte beeinflussen die biologische Vielfalt des Waldes dramatisch. Abholzungen in Schweden haben sich seit 1990 um ungefähr 35 Prozent erhöht. Im Jahr 2007 wurden teilweise die Abholzungen (95,5 Millionen Vorratsfestmeter) über dem möglichen nachhaltigen Abholzungsniveau für eine langsichtige Waldproduktion durchgeführt.

Forstwirtschaft

Die schwedische Forstwirtschaft ist rationalisiert und hat die schwedische Waldlandschaft dramatisch verändert. Mehr als 90 Prozent der Wälder in Schweden sind bewirtschaftet oder wurden bewirtschaftet und sind forstwirtschaftlich beeinflusst.

Die großen forstwirtschaftlichen Konzerne in Schweden sind nach FSC-Standards (Forest Stewardship Council) umweltzertifiziert. Schwedische Umweltorganisationen haben aufgezeigt, dass die forstwirtschaftlichen Konzerne oft mit diesen Standards brechen. Sie holzen Altwälder ab, fällen Habitatbäume und fahren über liegendes Totholz.

Die schwedischen FSC-Standards sind in sich unzureichend. Die forstwirtschaftlichen zertifizierten Betriebe können trotz dass die Umweltauszeichnung eine nachhaltige Forstwirtschaft garantiert, große Kahlschläge ausführen, Pflanzengift anwenden und monokulturelle Plantagen aus Nadelholz anlegen. Dies allesamt bedroht die Vielfalt und schadet die Umwelt. Nach den Standards müssen nur 5 Prozent der Waldfläche für den Naturschutz abgesetzt werden, ein Niveau welches überhaupt nicht mit der führenden Forschung auf dem Gebiet oder mit Umweltzielmaßnahmen übereinstimmt.

Wald- und Forstpolitik

Die schwedische Regierung schlug in ihrem Budgetantrag, welche im Herbst 2007 präsentiert wurde, vor, dass die Haushaltsmittel für den Schutz des schwedischen Walds in den kommenden drei Jahren um 450 Millionen Schwedische Kronen (ca. 45 Millionen €)gesenkt werden sollen. Die Regierung erklärte, dass sie den freiwilligen Schutz der schwedischen Wälder erweitern möchte. Dadurch kann das Umweltziel für den langsichtigen Schutz von Waldflächen auf eine kosteneffektivere Weise erfüllt werden. Das Ganze begrenzt jedoch die Möglichkeiten des Staates Forderungen zu stellen und die Ausführung des Schutzes zu überprüfen. Wenn ein privater Waldbesitzer selbst wählen darf welche Gebiete er oder sie freiwillig schützt, ist das Risiko groß, dass wenige Gebiete oder Gebiete mit niedrigem Naturwert beiseite gelegt werden. Es ist geläufig, dass niedrigproduktive Wälder geschützt werden um den ökonomischen Verlust zu reduzieren. Es herrscht auch eine Unsicherheit im Hinblick auf die Langsichtigkeit bei den freiwillig geschützten Gebieten. Die Grundbesitzer können sich plötzlich ändern und sich dazu entschließen den Wald abzuholzen, ohne dass sie mit Folgen zu rechnen haben.

Regierungsvorlage Wald

Die schwedische Regierung präsentierte im März 2008 ihre Regierungsvorlage Wald „Eine Wald- und Forstpolitik im Rhythmus mit der Zeit“ für den Reichstag. Die Regierungsvorlage veranschlagt, dass die zwei Ziele der Wald- und Forstpolitik, Umwelt- und Produktionsziel, gleichgestellt werden sollen. Trotzdem fokussierte die Regierungsvorlage hauptsächlich eine erweiterte forstwirtschaftliche Produktion, während die Umweltrücksichtnahme durch Abwesenheit glänzte. Die Regierung sprach sich für einen erhöhten Waldzuwachs, eine erhöhte Rodungsintensität und eine erhöhte Produktion von Biobrennstoffen aus. Sie empfahl eine Untersuchung für intensivierte Forstwirtschaft und schlug vor, dass die Grenze für fjällnahen Wald neu gezogen werden könne, weiter Richtung Norden, um Abholzungen in fjällnahen Wäldern zu ermöglichen. Fjällnahe Wälder sind historisch weitaus weniger vom Menschen beeinflusst wurden, als andere Wälder unterhalb der fjällnahen Grenze.

Biologische Vielfalt in Schweden


Es gibt schätzungsweise 50 000 Arten in Schweden, ca. 25 000 davon im Wald lebend. Von diesen Arten stehen 1 875 auf der Roten Liste, d.h. sind gefährdet oder potentiell gefährdet. 92 Arten sind in Schweden ausgestorben oder verschollen, 1 174 zählen als gefährdet oder potentiell gefährdet, 346 als stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Vermutlich sind diese Zahlen noch höher, da das Wissen über gewisse Artengruppen mangelhaft ist.

Der Artenverlust im Wald liegt zum größten Teil an der Forstwirtschaft, direkt durch den Verlust von Lebensraum durch Abholzung, aber auch durch die Entwässerung von Feuchtgebieten, Düngung und mechanische Einwirkung durch Forstmaschinen. Viele im Wald lebende Arten können in Baumplantagen unter anderem auf Grund der zerstörten Waldstruktur und dem offenen Mikroklima nicht überleben.

Die Arten der Roten Liste finden sich heutzutage oft in kleinen und isolierten Inseln mit Resten von Naturwald, die früher große und dynamische Populationen mit gutem Ausbreitungsvermögen beherbergt haben. Das hat zur Folge dass wenn lokale Populationen verschwinden die Chance für eine Wiederkolonisierung verringert ist, was das Überleben der ganzen Art bedroht. Arten die an Totholz geknüpft sind, sind besonders empfindlich.

Mangel an Ressourcen

Die schwedischen Behörden haben nicht genügend Gebiete aufgrund von Ressourcenmangel schützen können. Skogsstyrelsen (schwedisches Zentralamt für Forstwirtschaft) hat nicht die Ressourcen alle eintreffenden Abholzungsanmeldungen zu überprüfen. Selbst wenn sie es bewerkstelligen gewisse Abholzungsanmeldungen zu überprüfen und als Gebiete mit hohem Naturschutzwert erkennen, fehlt oft das Geld um diese Gebiete schützen zu können. Das Ganze führt dazu, dass Länsstyrelsen (schwedische Provianzialregierungen) und Skogsstyrelsen , die beiden Behörden, die den Auftrag für die Bildung von Naturreservaten, Für verschiedene Arten von Biotopschutz und Naturschutzabkommen haben, keine andere Wahl haben, als Abholzungen in Waldgebieten mit hohem Naturschutzwert zuzulassen.

Wald und Klima


Die schwedische Regierung befürwortet eine erhöhte Waldproduktion um der Klimaänderung entgegen zu wirken. Die Forstindustrien (Branchenorganisation der Papier- und Holzindustrie), skogsägareföreningen Södra (die Waldbesitzervereinigung Süd), der forstwirtschaftliche Konzern Sveaskog und andere nutzen die Gelegenheit die Situation auszunützen, machen ihren Einfluss geltend und werben für eine aktive Forstwirtschaft, bei welcher alte Bäume gefällt werden und für unterschiedliche Holzprodukte angewendet werden. Die gefällten Bäume werden anschließend durch neue Bäume ersetzt. Das soll  – wird behauptet – das Klima begünstigen. Die Tatsache jedoch, dass Abholzungen von Altwäldern den Treibhauseffekt verstärken, wird nicht einmal erwähnt. Ein Wald speichert enorme Mengen an Kohlenstoff, sowohl in Holzbiomasse als auch im Boden. Wenn der Wald abgeholzt wird, wird der eingelagerte Kohlenstoff des Bodens frei gegeben, vor allem bei der Bearbeitung des Bodens. Je älter der Wald ist desto mehr Kohlenstoff ist im Boden und in Holzbiomasse eingelagert und desto mehr Kohlenstoff wird logischerweise bei Abholzungen frei gesetzt. Studien an der Universität Lund haben gezeigt, dass es bis zu 30 Jahren dauert bis die Kohlendioxidabgabe durch die Aufnahme der nachwachsenden Bäume kompensiert wird. Der Wald hört außerdem auf als Kohlenstoffsenke zu funktionieren wenn Bäume, welche den Kohlenstoff binden, abgeholzt werden.

Die Klimaänderungen bedeuten zudem erhöhten Stress und Verletzbarkeit für den Wald und dessen Arten. Intakte Waldgebiete widerstehen und erholen sich besser von Bränden, Stürmen, Insektenbefall und anderen Einflüssen als zersplitterte Gebiete. Intakte Waldlandschaften und Altwälder bieten Bäumen, Pflanzen und Tieren bessere Möglichkeiten sich auszubreiten, sich anzupassen und in einem sich verändernden Klima zu überleben.

Södra (skogsägareföreningen Södra) behauptet, dass wenn die Hälfte der Wälder der Erde wie schwedische Wälder bewirtschaftet werden würden, der Treibhauseffekt eliminiert werden würde. Sie haben versucht diese Propaganda im Ausland zu verbreiten, teilweise erfolgreich. Würde jedoch die schwedische Forstwirtschaft mit der überwiegende Bewirtschaftungsmethode des Kahlschlags als Standardmodell im Ausland angewendet werden, hätte dies verheerende Konsequenzen für die Wälder der Erde zur Folge.

 

Fakten über den schwedischen Wald

Schwedens komplette Landfläche entspricht 41,3 Millionen ha, davon:

•    23 Millionen ha Waldfläche
•    4,5 Millionen ha Moor
•    0,9 Millionen ha Gebirge
•    3,5 Millionen ha Fjäll und Fjällnadelwald
•    3,4 Millionen ha Ackerfläche und Viehweiden

Skogsstyrelsens nationale Definition von Waldfläche lautet wie folgt: „Gebiet welches für die Holzproduktion geeignet ist. Ein Gebiet wird als geeignet angesehen, wenn es im Durchschnitt mindestens 1 Vorratsfestmeter per ha und 100 Jahren Wachstumszeit produzieren kann.

Über 80 Prozent des schwedischen Waldes besteht aus Nadelbäumen, wovon Fichte die dominanteste Baumart darstellt. Schweden kann in drei unterschiedliche Hauptzonen unterteilt werden: nemorale, boreonemorale und boreale Zone.

Die nemorale Zone (südliche Laubwaldregion) ist durch die natürliche Südwestgrenze der Fichte abgegrenzt und erstreckt sich von den südlichen Teilen Ölands und Blekinges im Osten bis Skåne und weiter nach Norden entlang der Westküste. Hier besteht der Wald hauptsächlich aus Laubbäumen wie Buche und Eiche. Dieser Teil des Landes ist zu einem großen Teil urbar gemacht und bebaut.

Die boreonemorale Zone, auch südliche Nadelwaldregion genannt, die Mischwaldzone zwischen der nemoralen und der nördlich liegende borealen Zone, wird von Fichten und Kiefern dominiert, auch wenn reine Laubwälder aus Buche, Eiche und Ulme vorkommen. Große Teile von Europas boreonemoralen Wald finden sich genau hier in Schweden. Hier gibt es ursprünglich viele Laubbäume, aber ein Großteil dieser musste für die intensive Forstwirtschaft weichen. Die Zone ist durch die natürliche Nordgrenze der Eiche gezogen, ungefähr bei Dalälven.

Die boreale Zone (nördliche Nadelwaldregion) ist ein Teil des großen Taigagürtels, welcher sich über Skandinavien, Russland und Kanada erstreckt. Dieser ist ein Teil der temperierten Zone der nördlichen Halbkugel, welcher durch Nadelwald und Tundra gekennzeichnet ist. Im Norden und Westen, längs der Fjällkette, geht der Nadelwald in den Birkenwald des Fjälls über (subalpine Region) und in das höher liegende Kahlfjäll (alpine Region). Westeuropas größtes zusammenhängendes Naturgebiet befindet sich zwischen Sälen und Riksgränsen. Bestimmte Teile sind gänzlich unberührt. Der Gürtel wurde von den forstwirtschaftlichen Betrieben als niedrigproduktiv  und schwer zugänglich angesehen, aber der Mangel an Holz in Kombination mit erhöhten Preisen und großer Nachfrage führt zum ersten Mal seit langem dazu, dass die Abholzung von fjällnahem Wald sich lohnt.

 

 

 

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